Provinzialmoor
Provinzialmoor© Klasmann-Deilmann GmbH

Einführung und Zielsetzung

Niedersachsen gehört mit rund 170.000 ha Niedermoorböden und ca. 200.000 ha Hochmoorböden zu den moorreichsten Regionen in Deutschland. Diese Moorstandorte sind jedoch größtenteils entwässert und werden vor allem landwirtschaftlich genutzt. Allein von diesen landwirtschaftlich genutzten Böden werden, laut aktueller Potentialanalyse der Kompetenzstelle Paludikultur, jährlich über 5 Mio. t CO2-Äq. an die Atmosphäre abgegeben. Über ein Viertel der THG-Emissionen aus der niedersächsischen Landwirtschaft stammen somit aus den landwirtschaftlich genutzten Moorböden.

Der Niedersächsische Weg und auch die Acker- und Grünlandstrategien für Niedersachsen fordern eine Veränderung der Bewirtschaftung von Moorstandorten. Hierbei geht es unter anderem um die veränderte konventionelle Bewirtschaftung wiedervernässter Dauergrünlandstandorte. In diesem Ansatz geht es um die Etablierung und regionalspezifische Entwicklung von Produktketten aus den sogenannten Anbau-Paludikulturen, also Pflanzen, die speziell für vernässte Ackerstandorte auf Moorböden geeignet sind.

Esterweger Dose
Esterweger Dose© Klasmann-Deilmann GmbH
Hierfür besteht mit über 40.000 ha Acker auf Moorböden außerhalb von Schutzgebieten auch ein ausreichend verfügbares Flächenpotential, wie die aktuelle Potentialanalyse der Kompetenzstelle Paludikultur zeigt. Somit ergibt sich hier ein Potential für einen doppelten Klimaschutzeffekt bei gleichzeitiger Wertschöpfung durch Anbau und Verwertung nachwachsender Rohstoffe unter nassen torfschonenden Bedingungen: Durch die Vernässung werden die THG-Emissionen drastisch gesenkt und durch die Verwertung der Biomasse werden fossile Rohstoffe ersetzt und eine Wertschöpfung erzielt. Somit stellt der Anbau auch eine Alternative zur reinen Wiedervernässung ohne Bewirtschaftung dar. Der Bedarf an CO2-neutraler Biomasse steigt ebenso wie der Druck auf die Landwirtschaft klimaneutral zu arbeiten. Das Vorhaben stellt einen weiteren Baustein für den Klimaschutz dar. In Niedersachsen entwickelt sich seitens der Unternehmen eine Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen von vernässten Moorböden, um damit nachhaltige Produkte zu produzieren.

Die Produktionsverfahren sind allerdings noch nicht weit genug ausgereift (Technik, Effizienz) und die Hemmnisse bei der Einrichtung von Flächen (Genehmigungsrecht, Unsicherheiten beim rechtlichen Status und bei der Flächenprämie) sind außerordentlich hoch. 

Erste Praxis-Projekte und wissenschaftliche Untersuchungen sind im Rahmen verschiedener F&E-Projekte in Niedersachsen bereits gestartet. Hierunter befinden sich besonders interessante Pilot-Flächen, deren weiteres Monitoring von hohem Wert ist. Hierzu gehören die Torfmoosfarming-Flächen der Fa. Klasmann-Deilmann GmbH und der Stiftung Naturschutz des Landkreises Diepholz in Barver. Darüber hinaus wird ein Rohrkolben-Versuchspolder in der Stadt Geestland gebaut. Die Datengrundlage zu Ertrags- und Produktionsdaten wird dadurch vergrößert. Zwei weitere Rohrkolben-Versuchspolder wurden im Rahmen des EFRE-Projekts „Produktketten aus Niedermoorbiomasse“ des NLWKN von der Kompetenzstelle Paludikultur initiiert und aufgebaut. Ferner wurde vom 3N Kompetenzzentrum und den beteiligten Unternehmen im Interreg-Projekt „Bioökonomie-Grüne Chemie“ erfolgreiche Erstversuche zur Verwertung von Niedermoor-Paludikulturen (Rohrkolben, Schilf) im Bereich der Baustoffe und Torfersatzstoffe gemacht. Die Vernetzung der Partner wurde von der Niedersächsischen Kompetenzstelle Paludikultur übernommen, die die Aktivitäten begleitet.

Die eingerichteten Versuchspolder (Pilot Sites) sind noch relativ jung, so dass Aussagen über längere Anbauzeiträume bisher nicht gemacht werden konnten. Vergleiche sind zudem schwer zu ziehen, da in den Projekten mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet wurde. Durch ein Monitoring mit einheitlicher Biomasseerfassung und Flächenbewertungsparametern kann es auch gelingen, Vergleiche zwischen verschiedenen Anbausystemen und Standorteignungen in Abhängigkeit von Vornutzung, Bodendegradierung, Wasserqualitäten und anderen Parametern zu ziehen.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung und Vernetzung dieser Pilot Sites und die weitere Vernetzung von regionalen relevanten Akteuren zur Etablierung, Verstetigung und Diversifizierung von Produktketten ist weiter in Niedersachsen unabdingbar notwendig, um das erreichte Wissen an alle Akteure zu vermitteln und das Interesse der Anwender zu stärken. Zudem muss der Austausch zwischen den Stakeholdern erweitert und verstetigt werden, damit Hemmnisse und Hürden (z.B. bei Genehmigungsprozessen, Beihilfen, Flächenstatus) verringert und der Aufbau von regionalen Wertschöpfungsketten ermöglicht wird. Dies schließt auch das Beratungs- und Informationsangebot für Anbauer, Aufbereiter und Produktnutzer ein.


Dieses Projekt greift den Handlungsbedarf auf und will die regionalspezifische Entwicklung von Paludikultur-Produktketten in Niedersachsen aufbauen bzw. weiter ausbauen.

Ziele des Projektes:

  • Erweiterung der regionsspezifischen Datenbasis durch Bestandsmonitoring (Bestimmung der Ertragsstrukturen) als Grundlage für die Beratung von Praxisbetrieben und für regionale Umsetzungsvorhaben
  • Optimierung des Produktionsmanagements
  • Erprobung und Weiterentwicklung innovativer boden- und biomasseschonender Ernte-, Pflege und Bewirtschaftungsverfahren für Torfmoosfarmen sowie für Rohrkolben- und Schilfanbau
  • Untersuchung der genetischen Diversität und Produktivität von Bulten-Torfmoosen
  • Begleitung und Anlage einer Rohrkolben-Pilotfläche (Genehmigung, Einrichtung) im Raum Bad Bederkesa
  • Aufbau von regionalen Produktketten (stoffliche Nutzung, Energie)
  • Aufbau und Betreuung regionaler Akteurs-Cluster
  • Informationsaufbereitung und Kenntnistransfer in den Regionen

Forschungsflächen:

In dem Vorhaben finden Untersuchungen auf fünf Flächen statt:

Von der Firma Klasmann-Deilmann GmbH wurde im Jahr 2015 am Standort Drenth eine ca. 5 Hektar große Sphagnum-Farm angelegt. Im Jahr 2019 wurde von der Naturschutzstiftung im Landkreis Diepholz eine ca. ein Hektar große Fläche mit Torfmoosen bei Barver angelegt. Beide Flächen sind auf Hochmoorboden angelegt. Vom NLWKN in Kooperation mit dem 3N Kompetenzzentrum wurden zwei Forschungspolder mit Rohrkolben und Schilf angelegt: 0,3 Hektar im Hohenbökener Moor (im Jahr 2020) und 1 Hektar südlich des Bederkesaer See (im Jahr 2022). Bau und Unterhaltung wurden durch andere Projekte finanziert. Ein weiterer ca. 1,2 Hektar großer Polder mit Rohrkolben und Schilf wird im Rahmen dieses Projektes von der Stadt Geestland angelegt. Darüber hinaus wird eine ca. 15 Hektar große Nasswiese des NLWKN am Dümmer im Naturschutzgebiet Westliche Dümmerniederung als Untersuchungsfläche genutzt.

Die Standorte sind beispielhaft für niedersächsische Regionen, in denen es große Flächen mit Moorböden gibt, die für Paludikulturen sehr gut geeignet sein können. Zudem repräsentieren sie unterschiedliche hydrologische und topographische Verhältnisse. Diese Flächen bilden daher eine gute Basis für Datenerhebungen und für die Optimierung von Pflege- und Erntemaßnahmen, was dringend erforderlich ist. Zudem werden sie weiter für Demonstrationszwecke im Rahmen dieses Verbundvorhabens und damit zum Kenntnistransfer zur Verfügung stehen. Die Erntetermine orientieren sich an der Bestandsentwicklung, an der geplanten Verwertung der Biomasse und an den bisherigen Erfahrungen.

Teilprojekte:

Die Umsetzung wird in sechs Teilprojekten erbracht.

Teilprojekt 1: Koordination, Öffentlichkeitsarbeit, Anbau- und Verwertungsuntersuchungen (3N Kompetenzzentrum e. V.)

Teilprojekt 2: Monitoring und Optimierung Bewirtschaftungskonzept Torfmoosflächen im Landkreis Diepholz (Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz)

Teilprojekt 3: Etablierung von Rohrkolben/Schilf und Anlage Versuchspolder im Landkreis Cuxhaven (Stadt Geestland)

Teilprojekt 4: Bewirtschaftungs- und Verwertungskonzept Torfmoosflächen Klasmann-Deilmann (Klasmann-Deilmann)

Teilprojekt 5: Genetische Diversität und Produktivität von Bulten-Torfmoosen (Universität Freiburg)

Teilprojekt 6: Monitoring von Baustoffen aus Rohrkolben in Modellgebäuden (Institut für Materialprüfung der Jade Hochschule Oldenburg)

Projektpartner


Gefördert durch

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Laufzeit

Dezember 2022 bis März 2025

Ansprechpartner

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Dr. Colja Beyer

Projektkoordinator Kompetenzstelle Paludikultur

+49 5951 9893-18
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